Das Erste Kapitel im schleswig-holsteinschen Jahresbericht zur biologischen Vielfalt 2025 beginnt mit einem echten Knaller: "Nahezu jede zweite Blütenpflanze steht in Schleswig-Holstein auf der Roten Liste. Von jeder vierten Pflanzenart sind weniger als 30 Fundorte bekannt"(1). Nahezu jede zweite Blütenpflanze... Um sich das vor Augen zu führen, stellen Sie sich einmal alle Blumenarten vor, die Sie kennen. Und dann streichen Sie davon jede zweite weg. So in etwa sähe unsere Blühlandschaft aus, wenn gegen das, was die Pflanzen auf die Rote Liste gebracht hat, nichts unternommen wird.
Wo sind all die Blüten hin?
Verschobene Wahrnehmung
Wobei, so ganz stimmt das wohl nicht. Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Pflanzen, an die Sie gedacht haben, allesamt nicht auf der Roten Liste stehen, sondern zu den noch häufigen Arten gehören. Die bedrohten, die kennen Sie vielleicht gar nicht. Schließlich sind die ja mittlerweile selten geworden, da stolpert man nicht mehr so oft drüber. Dass man viele Arten, die früher deutlich häufiger waren, nicht kennt, geht sehr vielen Menschen so. Der Nachteil ist, dass diese Menschen nicht vermissen, was sie nicht (mehr) kennen. Und warum sollte man sich für den Schutz von etwas einsetzen, das man nicht kennt, nicht vermisst, das Zeit seines Lebens ja eh nie wirklich präsent war? Warum sollte man sich z.B. für die Kornrade einsetzen und was ist das denn überhaupt für eine Blume? Doch selbst die bekannteren Pflanzen unserer Kulturlandschaft sind teilweise nicht mehr alltäglich. Wie oft sehen Sie z.B. noch ein Getreidefeld, in dem nebenher auch Klatschmohn und Kornblume blühen? Wenn Sie einer jüngeren Generation angehören, ist das Fehlen dieser einst häufigen Ackerbegleitkräuter vermutlich normal.
Dieses Phänomen lässt sich mit einem Begriff gut zusammenfassen: Shifting Baselines Syndrom. Wer später geboren ist, kennt die Welt nur in dem Zustand, in der sie sich gerade befindet. Wer in gestörten Ökosystemen aufwächst, weiß nicht, wie eine ökologisch intakte Landschaft aussieht, da er oder sie sie nie erlebt hat. Daher ist Umweltbildung so wichtig. Denn wir schützen am liebsten, was wir kennen und lieben. Ein breites Angebot findet sich bei den Naturparks, den Volkshochschulen und natürlich den verschiedenen NABU-Gruppen.
Ein Problem in der Fläche
Aber zurück zu den Blütenpflanzen und ihrer misslichen Lage. Warum ist das so? Im entsprechenden Teil des Jahresberichtes heißt es weiter: "Steigender Nutzungsdruck und fortschreitende Zerschneidung der Lebensräume führen zu einem Schwund der Pflanzenbestände und einer Isolierung der Restvorkommen. Frühere Ausbreitungsvektoren (ziehende Tierherden, Traktoren mit Heuladungen, Wandernde) existieren heutzutage kaum noch."
Eine Vielfalt an Ackerbegleitgrün wird kaum noch geduldet, in einer von intensiver Landwirtschaft geprägten Umwelt bestimmen Monokulturen das Bild. Auf einem Maisacker lebt nichts außer Mais - und in Schleswig-Holstein wird auf rund jedem vierten Acker Silomais angebaut (2). Natürlich stehen dem andere Feldfrüchte in puncto Artenarmut nichts nach, wenn vorsorglich Pestizide eingesetzt werden und kaum Ackerrandstreifen als Rückzugsräume bleiben.
Die Praktiken der intensiven Landwirtschaft entspringen in erster Linie betriebswirtschaftlichen Überlegungen. Deswegen ist die Bewirtschaftung auf Ertrag optimiert. Statt Klatschmohn, Kornrade, Acker-Stiefmütterchen und Co. auf seiner Fläche zu dulden, schafft man optimale Bedingungen für die Kulturpflanze - und *nur* für die Kulturpflanze. Das gilt auf dem Acker wie auf dem Grünland, wo nährstoffliebende Süßgräser dominieren. Selbst jenes (Intensiv-)Grünland, welches von Laien vielleicht als "schöne grüne Wiese" wahrgenommen wird, wird zuweilen mit Herbiziden gespritzt, um Begleitkräuter zu eliminieren. Die Menge an Pflanzenarten lässt sich folglich oft an einer Hand abzählen. Die aktuell hohen Diesel-Preise veranlassen viele Landwirte dazu, vermehrt Glyphosate zu spritzen (3) (und das trotz Agarardieseöl-Subvention, s.u.). Bei der Produktion von Grassilage statt Heu oder Heulage kommt hinzu, dass die Flächen mehrfach im Jahr gemäht und gedüngt werden; kaum ein Kraut kommt zur Blüte, geschweige denn zur Samenreife. Für die meisten Insekten sind solche Flächen lebensfeindlich, Wiesenbrüter wie das Rebhuhn oder die Feldlerche haben keine Chance.
Jedoch können sich Flächeneigentümer Natur- und Umweltschutz fördern lassen. Laut aktuellem Agrarbericht machten Zahlungen aus Agrarumweltmaßnahmen in Schleswig-Holstein allerdings nur rund 6% der Direktzahlungen und Zuschüsse pro Unternehmen aus (Durchschnitt deutschlandweit: ~16%). Der Großteil der Direktzahlungen und Zuschüsse pro Unternehmen stammt aus den EU-Direktzahlungen mit durchschnittlich ~82%, rund 11% stammen aus der Agrardieselvergütung (4).Es ist sicher noch Luft nach oben, was die Umweltmaßnahmen anbelangt. Und wir reden hier nicht von einem Luxus, den man sich nebenbei erlauben kann oder auch nicht; intakte, artenreiche Ökosysteme sind fundamental wichtig für den Erhalt fruchtbarer Böden und sauberer Gewässer.
Die Samenbank im Geldbeutel
Der "steigende Nutzungsdruck" aus dem Jahresbericht zur biologischen Vielfalt lässt sich nicht nur durch die Landwirtschaft erklären. Flächenversiegelungen durch z.B. Neubausiedlungen und Industriegebiete gehören ebenso dazu wie die Art und Weise, wie Gemeinden das Wegebegleitgrün pflegen und wir unsere Gärten gestalten. In einem von der Landwirtschaft so stark geprägten Bundesland wie Schleswig-Holstein haben - erst recht bei immer weniger Betrieben mit immer größerer Fläche - die Entscheidungen einzelner Landwirte jedoch massive Auswirkungen auf die Landschaft. Als Konsumenten entscheiden wir beim Einkaufen unserer Lebensmittel mit, welche Form der Landwirtschaft unser Land gestaltet.
Idealerweise entscheiden wir uns für eine, die Blütenpflanzen (und in dem Zuge verschiedenen Tierarten) mehr Lebensraum lässt. Um Artenvielfalt zu unterstützen, muss ein landwirtschaftlicher Betrieb keine Bio-Zertifizierung haben - meistens sind es aber doch die Bio-Höfe, auf deren Land die meiste Vielfalt herrscht. Wenn man genau hinschaut, findet man in den Supermärkten ein zunehmendes Angebot regionaler Produkte. Alternativ lohnt es sich natürlich, direkt im Hofladen einkaufen zu gehen. Da ist es nebenbei auch möglich, sich ein eigenes Bild vom Hof und seiner Wirtschaftweise zu machen.
Lassen wir unser Land wieder aufblühen!
Quellen:
(2) https://storymaps.arcgis.com/collections/cd87e99cfb5448e1b54ae2678b751675?item=1
(4) https://storymaps.arcgis.com/collections/cd87e99cfb5448e1b54ae2678b751675?item=2
Weitere Links:
Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen Schleswig-Holstein: Band 1 -- https://www.schleswig-holstein.de/DE/fachinhalte/A/artenschutz/Downloads/rl_farn_und_bluetenpflanzen1.pdf?__blob=publicationFile&v=2
Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen Schleswig-Holstein: Band 2
-- https://www.schleswig-holstein.de/DE/fachinhalte/A/artenschutz/Downloads/rl_farn_und_bluetenpflanzen2.pdf?__blob=publicationFile&v=2Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, Glyphosate im Ackerbau und Grünland - Gesamtübersicht (Stand 11.07.2025): https://www.lksh.de/fileadmin/PDFs/Landwirtschaft/Pflanzenschutz/Pflanzenschutzmittel_Ackerkulturen/Glyphosat/Glyphosate_gesamt.pdf
Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, Fördermaßnahmen und Biodiversität im Grünland: https://www.lksh.de/landwirtschaft/gruenland/foerdermassnahmen-und-biodiversitaet
Fritz Heydemann, Prof. Dr. Holger Gerth (2021): Forderungen für Sofortmaßnahmen gegen das Insektensterben in Agrarlebensräumen. https://schleswig-holstein.nabu.de/imperia/md/content/schleswigholstein/gutachtenstellungnahmen/gutachten/2021/insektensterben-forderung_ma__nahmen-2021.pdf